|
25 Jahre Zeltingerband: Sommer, Sonne,
Herzinfarkt
Schlagzeugtricks
im Damenklo
von Matthias Breusch
Ein
Vierteljahrhundert Zeltingerband:
25 Jahre pralles Leben mit allem, was dazugehört: Hits für die
Ewigkeit, derbe
und freche Texte, unwiderstehlich dampfende Rock´n´Roll-Shows, Kohle,
Suff und
Sex. „De Plaat“ Jürgen Zeltinger und sein Kompagnon Alex Parche schauen
zurück
auf die wilden Anfangstage einer Band, die mal ganz unten und mal ganz
oben
war. Aber nie ein glatt gebügeltes „Produkt“.
150
bis
200 Shows hat die Zeltingerband in ihren großen Zeiten pro Jahr
bestritten.
Aber auch heute noch ist quasi jeder Saal in Deutschland ausverkauft,
wenn
Jürgen und seine Urviech-Rock´n´Roller mit ´Panzerfahrer´ oder
´Mallorca,
Sommer, Sonne, Herzinfarkt´ die Dachbalken zittern lassen. Rund zwei
bis drei
Dutzend Male feiert die Band, meist an Wochenenden, mit ihren
zahlreichen Fans
rauschende Feste. Berührungsängste gibt´s nicht: Die Zeltingerband wird
quer
durch alle Schichten geliebt. Vor allem natürlich in Köln. Dort bekennt
sich
das „Milieu“ ebenso zur Band wie der Oberbürgermeister, der gerne mit
Jürgen
ein Kölsch abkippt. In Kölle ist „de Plaat“ bekannt wie ein bunter Hund
und
eine örtliche Institution, auch wenn es ihn manchmal nervt:
„Der
Rheinländer an sich ist leider doof. Dat muss man klar erkennen. Denn
der
Kölner meint, dat Zeltinger `ne Karnevalsband is: „Mach doch noch mal
so´n
schönen Karnevalshit wie ´Müngersdorfer Stadion´!“ Dat ham die bis
heute noch
nicht kapiert. Mich kennt jeder in Köln. Gott und die Welt. Und wie ich
dabei
angesprochen werde, ist echt phänomenal: ´Wie geht´s denn so bei de
Bläck
Fööss?´“
Abgesehen
von der einheimischen Presse erlebt die Zeltingerband keinen großen
Support
seitens der Medien und der Rockmagazine. Dort wie in den Charts
dominiert seit
Jahren deutschsprachiger Hartkeks-Sound der Sorte Onkelz, Ärzte, Hosen,
Rammstein. Dazwischen hat der „Asi mit Niwoh“ samt seinem erdigen
Power-Orchester nur noch wenig Platz.
„Damit hab
ich keine Probleme. Das Einzige, worüber ich mich mal geärgert habe,
waren die
Toten Hosen. Das ist aber auch schon zehn, 15 Jahre her. Der Campino
rief mich
an und meinte, ich sollte doch mal im „Express“ ´ne gute Plattenkritik
über ihn
machen. Und wenn mich Kollegen anrufen und das haben möchten, dann mach
ich das
auch. Klare Sache, dass die Platte von mir sechs Sterne bekam. Alles
vom
Allerfeinsten. Jedenfalls kam ich einige Zeit später mit der gleichen
Story bei
ihm an.“
Und
da
gab´s dann nur zwei Sterne...
„Genau!“
In
den
Achtzigern waren eure Verkaufszahlen respektabel, euer Touring lief wie
geschmiert. Wann kam der Bruch in der Popularitätskurve?
„Wir
hatten Mitte der Neunziger mal einen kleinen Hänger, auch von den
Besucherzahlen her. Seit drei, vier Jahren macht es mir persönlich
wieder sehr
großen Spaß, und man merkt auch, dass wieder mehr Leute kommen. Jetzt
scheint
es anerkannt zu werden, dass ich trotz meiner 54 Jahre noch Rock´n´Roll
mache.
Ich kann zwar nicht mehr so springen wie früher, aber die Leute haben
trotzdem
viel Fun, sind unwahrscheinlich geil drauf. Selbst in Köln, auf unserem
schwierigsten Pflaster.“
Ausgerechnet
dort liegt eure Problemzone?
„Ja klar!
Man sagt ja so schön: Der König ist im eigenen Land der Kleinste. So
langsam
sehen wir aber wieder jüngeres Volk im Publikum und nicht nur die
Leute, die
mit der Band älter geworden sind. Und bei so manchem Teenie-Gesicht
denkst du
dir dann halt auch: Mensch, wat bist du doch ein altes Schwein
geworden.“
Wann
hast
du angefangen, Musik zu machen?
„Das war
zur Hippiezeit. Da bin ich mit der Gitarre rumgegammelt, als die ganze
Flower-Power-Schiene losging. Peace, Love und wat weiß ich. Ich hab
also
Straßenmusik gemacht. Dann war ich jahrelang in Spanien, hab die Musik
aber nie
aus den Augen verloren. Meistens ging das eher spontan ab. Der
´Tuntensong´
existierte beispielsweise schon fünf Jahre vor unserer ersten Platte.
Den hab
ich oft in irgendeiner Kneipe mit der Akustikgitarre gespielt, wenn ich
besoffen war. Ein Kumpel von mir ist dann immer rumgegangen und hat
Geld
eingesammelt. Das lief ganz gut. 1978 kam ich dann wieder nach Köln.“
War
der
erste Gig mit der Zeltingerband etwas Besonderes?
„Gleich
unser erstes Auftritt war legendär. Stellt euch vor: Eine Kneipe, so
groß wie
ein Wohnzimmer. Nur stand in der Mitte halt noch ´ne Theke. Das Ganze
lief im
Rahmen einer Weihnachtsfeier. Das Schlagzeug war im Damenklo aufgebaut,
der
Bass war in der Herrentoilette untergebracht, weil absolut kein Platz
war. Die
beiden Gitarristen standen auf der Tanzfläche rum, und ich lehnte halb
hinter
der Theke und war dementsprechend gut mit Getränken versorgt. Unten im
Bierkeller hockte derweil unser damaliger Produzent, der Conny Plank,
und hatte
sich mit einem 32-Kanal-Mischpult mit allen Schikanen breit gemacht.
Ich bin
vorher mal runter, um zu checken, wie sich das Ganze anhört, und kriege
fast
einen Herzinfarkt, als ein riesiger Rottweiler auf mich losgeht und wie
verrückt kläfft. Im letzten Moment sehe ich, dass der Hund in einem
Gitterkäfig
steckt. Na, jedenfalls haben wir oben richtig abgerockt, und unten hat
der
Conny den ganzen Abend gemischt, während einen halben Meter neben ihm
der
Rottweiler komplett durchgedreht ist.“
Wie
kam es
zu eurer ersten Scheibe?
„Bevor wir
die besagte Weihnachtsfeier spielten, kam ein Kölner Musiker auf mich
zu, der
Arno Steffens (Komponist von ´Müngersdorfer Stadion´ - mb): „Wenn der
kranke
Zeltinger spielt, wird das bestimmt legendär. Das müssen wir
aufnehmen!“ Die
A-Seite für die Platte hatten wir also schon mal in der Kiste. Wir
waren gerade
eben ein paar Tage zusammen. Mehr Vorbereitung hatten wir gar nicht.
Die
B-Seite haben wir dann ein halbes Jahr später in einem Proberaum
gemacht.
Unsere Bunkerzeit. Eigentlich war es nur `ne Session. Bei der zweiten
Session
meinte der Plank dann: „Kinders, wir müssen hier `ne LP machen, da
fehlen noch
sechs oder sieben Lieder.“ Alles klar, wir haben abgerockt, schnell `n
bisschen
was komponiert. Innerhalb von 14 Tagen war alles erledigt. Tja, wat
soll ich
sagen: Dat Scheißding kam raus, innerhalb von zwei Wochen waren wir in
Köln die
Nummer eins und standen bundesweit über ein Jahr lang in den
Verkaufscharts.“
Dieses
zusammengeschusterte Ding hat also alles ins Rollen gebracht...
„Genau.
Wir waren dann erst mal ein paar Wochen lang besoffen.“
Gab´s
denn
da schon Geld?
„Klar! Wir
hatten nämlich einen super Deal abgegriffen. Der Plank war nämlich sehr
korrekt
zu uns und empfahl uns gleich einem guten Musikverlag. Noch bevor die
Platte
draußen war, direkt nach unserer Bunkerzeit, haben wir hier in Köln im
„Sartori“
zwei Shows gespielt. Zwei Abende hintereinander, jeweils mit 2.000
Leuten
ausverkauft. 4.000 Leute ohne Platte, ohne garnix. Nur mit
Mundpropaganda war
dat Dingen voll. Sämtliche Plattenfirmen waren natürlich eingeladen.
Zum
Schluss haben sich die EMI und die Ariola so hochgepowert, dass die
Ariola
letztlich eine unvorstellbare Summe bezahlt hat. Dat gab es zu der Zeit
einfach
gar nicht, dat irgendeiner Asi-Rock-Band Zigtausende von Mark in den
Rachen
geworfen wurden. Als unser Verleger anrief und meinte, „Ich hab den
Deal unter
Dach und Fach, herzlichen Glückwunsch, du kriegst die Summe X, du musst
nur
noch was unterschreiben, wo treffen wir uns?“, hab ich nur gesagt:
„Bring
Bargeld mit!“ Er darauf: „Äh, ich wollte dir das eigentlich überweisen
lassen.“
Darauf ich: „Wie, überweisen? Ich hab doch gar kein Konto. Unterschrift
gibt´s
nur gegen Bargeld!“ – Danach war ich erst mal zwei Wochen verschwunden.
Alle
haben sich Sorgen gemacht. Ich lag in der Zwischenzeit 14 Tage vom
Feinsten auf
Ibiza im Koma. Die Kohle war natürlich komplett weg.“
Es
ist
also anzunehmen, dass es dir immer so gegangen ist, wenn du mal ein
paar
Scheine in der Hand hattest...
„Bereut
ham wir nix. Ich auf jeden Fall nicht. Im Nachhinein hätte ich das Geld
wohl
besser angelegt. Aber dabei wär mir auch viel entgangen. Ich hab
dadurch ja
viel erlebt.“
Neben
ihren vielen Headlinergigs war die Zeltingerband auch im Vorprogramm
großer
internationaler Acts zu sehen, darunter Tina Turner und Motörhead. Von
Lemmy
gab´s dann den Ritterschlag, wie Alex Parche zu berichten weiß:
„Motörhead
hatten auf der Europatour einen britischen Supportact. Dann kamen wir
als
dritte Band in Deutschland dazu. Gleich beim ersten Auftritt in
Osnabrück haben
wir die Halle Gartlage so gerockt, dass die Post abging. Nach uns
gingen dann
alle raus und haben draußen Bier getrunken. Bei der anderen Vorband war
die
Halle natürlich leer. Also hat Lemmy noch am gleichen Abend gesagt:
„Morgen
spielen die Deutschen vor uns.“ Sein Gitarrist Wurzel hat sich ab da
jede Show
von uns angeguckt, jeden Abend total abgefeiert und sich von uns sogar
noch
Autogramme geben lassen...“
Jürgen:
„Und
Lemmy war gleich am Dealen. Er meinte: „Hey, euer Schlagzeug ist ja
echt
Weltklasse. Können wir da nicht ins Geschäft kommen?“ Ich hab nur
gesagt: „Hau
ab! Das Schlagzeug bleibt bei uns!“ Aber wir hatten eine superschöne,
supercoole Zeit auf dieser Tour.“
Habt
ihr
auch andere Sachen dieser Art erlebt?
Jürgen:
„Och
ja, bei der Tour mit den Boomtown Rats hab ich mal einen von deren
Roadies k.o.
geschlagen, weil ich zufälligerweise gesehen hab, wie der kurz vor
unserem
Auftritt an einer von unseren Endstufen rumgeschraubt hat. Leider hab
ich das
erst am vorletzten Tag mitbekommen. Also hab ich ihm auf das Maul
gehauen, dass
es gekracht hat. Danach kam der Bob Geldof an und hat sich beschwert.
Dem hab
ich dann auch noch mal in den Arsch getreten. Am nächsten Tag haben wir
in
Mannheim den letzten Gig gespielt. Zur Show war auch unser Promoter
gekommen,
Fritz Rau. Der wollte natürlich gleich wissen, was denn da los war.
„Tja“, hab
ich gesagt, „Gesetz der Straße – wenn so was abgeht, gibt´s halt was
aufs
Maul.“ Daraufhin ist Fritz rüber zu den Boomtown Rats und hat quasi
einen
epileptischen Anfall bekommen. Schließlich war er gerade dabei, uns
aufzubauen.
Der reinste Choleriker: „Ihr wollt meine Jungs plattmachen? Dafür
kriegt ihr in
Deutschland nie mehr eine Halle. Dafür sorg ich schon.“ Also, ich hab
die
letztendlich auch nie mehr hier gesehen...“
Wie
lange
werdet ihr euch denn noch livehaftig blicken lassen?
Jürgen:
„Ewig.
Es ist erst dann zu Ende, wenn wirklich Schluss ist. Solange mein Hirn
und mein
Körper mitmachen, ist das okay.“
Alex:
„So
extrem wie wir sind, so extrem ist auch die Karriere, die die Band
durchläuft.
Und auf der Bühne fühlst du dich immer noch am jüngsten.“
|