Auf Traktorsuche in Lothars Loch

Jetzt ist es also soweit:

Ein erneuter, heftiger Schicksalsschlag hat uns hier im Ödland von Schwäbisch-Sibirien erbarmungslos getroffen. Meine maskierten Götter, die Band meiner lang schon entschwundenen Jugend - Kiss - lösen sich auf!
Es hat im Rock Hard gestanden, also muss es wahr sein (...bei den Leserbriefen stand auch mal, dass Dieter Bohlen Satanist ist...klingt auch wahr...). Den meisten von euch wird das sicherlich am Arsch vorbeigehen (...meinen WG-Kumpels übrigens auch...), aber mich belastet das unheimlich. Nichts ist mehr geblieben als Finsternis, Traurigkeit und das Vergessen im Toffelschnaps-Delirium.
Okay, das Licht am Ende des Tunnels strahlt schon mit metallischem Glanz - Wacken!


Womit wir also wieder beim Thema wären...


Dörthe, der diesen Monat die unglaubliche Ehre zuteil wurde, in unserer WG hinter Herd zu stehen, hat sich eine ausgewogene Diät für uns einfallen lassen. Es gibt Thunfisch. Als Pizza, Salat, mit Baumrinde, Käfern oder als Sushi auf Torf. Irgendwo haben wir nämlich gelesen, dass dieser Fisch die meisten Schwermetalle in sich aufnimmt. Also echter Heavy-Metal-Fisch. Damit er noch mehr wahres Metall in sich aufnehmen kann, haben wir extra Boxen in der Speisekammer aufgestellt. Doch auch hier gibt es (...ähnlich wie beim Alu...) deutliche Qualitätsschwankungen zu beachten. Kauft keinen Thunfisch aus asiatischem Anbau! Die verwenden dort nämlich Schleppnetze. Da ist nicht nur Thunfisch drin, wenn Thunfisch drauf steht, sondern auch mal Delphin, Hai, Wal oder Killerkrake. Und Delphinen sieht man ja schon auf hundert Metern an, dass die mit Heavy Metal nix am Hut haben (...die elenden Popper...), auch wenn sie auf ´nem Stratovarius-Cover rumhampeln. Sind ja nicht mal echte Fische! Zudem schwören auch die örtlichen Manta-Fahrer auf Thunfisch (...nur nennen sie ihn Tune-Fisch...). Die spachteln das Zeug schon seit Jahren und behaupten ernsthaft, dass ihre Autos dadurch schneller geworden sind. Klappt hoffentlich auch bei unserem Traktor...
Yeah, hey! Mittlerweile haben wir genug Kohle zusammengekratzt, um uns einen
schmucken, hochmodernen Traktor zu kaufen, mit dem wir im August gen Norden tuckern können. Um´s gleich vorwegzunehmen: Ja, die "Hocherotische Fotos von Schafen und Hühnern günstig abzugeben"-Anzeigen in diversen, einschlägigen Magazinen waren von uns. Danke an alle, die bestellt haben! Ihr habt unseren Traktor finanziert...
Zuerst haben wir ja drüber nachgedacht, einfach mal so ´n Teil zu klauen.
Doch das hier ist das Ödland, Baby. Da fackelt man nicht lange, sondern knüpft Traktor-Diebe einfach am nächsten Baum auf. Mit unseren schlüpfrigen Bildchen gelang es uns immerhin 260 Deutschmark einzunehmen (...es gibt ´ne Menge Leute, die auf Schafe stehen oder gerne mal hühnern...).
Mit dem, was von
der Wollernte übrig war (...links im Bild ein typisch schwäbisch-sibirisches Torfmoor-Superschaf aus unserer eigenen Zucht...), belief sich unsere Barschaft also auf stolze 271,50 Märker. Sollte ja eigentlich reichen. Natürlich sind wir mit dem vielen Geld nicht zu ´nem Vertragshändler gewankt, sondern haben uns den Gebrauchtmarkt angesehen.
Jetzt gibt es hier im Ödland nicht sonderlich viele Zeitungen,
weil man da höchstens Fisch drin einwickelt. Lesen ist hier nicht so gefragt. Auch mit Internet (...traktorscout24.de...) ist nix zu machen, weil schon ein Haushalt, der über einen Taschenrechner verfügt, als übertechnisiert gilt. Also gingen wir dorthin, wo die Menschen schon seit Jahrtausenden hingehen, wenn sie `nen Traktor kaufen wollen - in die Dorfkneipe.
Für euch in der Stadt mag es ja ganz natürlich sein, in jede
beliebige Schänke zu marschieren. Bei uns in den gnadenlosen Ödlanden liegt der Fall schon etwas anders. Es ist nicht nur einmal passiert, dass meine Jungs oder ich plötzlich die behaarte Pranke eines kurzsichtigen (...liegt am Toffelschnaps...) Ödländers auf dem Schenkel spürten und ´nen stark alkoholisierten Satz wie "Heut Nacht um halb drei bei der Jauchegrube, du kleine Süßkartoffel!" ins Ohr gelallt bekamen. Hat sich hier noch nicht ganz rumgesprochen, dass auch Männer langes Haar haben können... Doch ganz klar haben wir eine Taktik entwickelt, solchen Verwechslungen zu entgehen. Erst mal würzen wir unseren Thunfisch ordentlich mit Knoblauch. Dann spazieren wir nur nach dem Misten in die Kneipe - ohne die Klamotten zu wechseln. Selbst die Frauen hier im Ödland sondern nicht so strenge Gerüche ab (...die Männer schon...).
Als wir an jenem Abend die Kneipe betraten
(...die übrigens "Lothars Loch" heißt und auch so aussieht...), mussten wir erst mal die traditionelle Begrüßung über uns ergehen lassen. Das läuft immer gleich ab. Wir kommen rein, alle Gespräche verstummen, tausend misstrauische Blicke mustern uns von Kopf bis Fuß, irgendwo erklingt eine extrem dramatische Mundharmonika, eine Klapperschlange klappert, und ein einsamer Windhauch treibt ´nen getrockneten Kuhfladen vorbei. Wenn wir dann aber die magischen Worte (... "eine Runde Toffelschnaps"...) murmeln, ist das Eis gebrochen. Doch schon nach ein paar Minuten mussten wir erfahren, dass keiner unserer
Nachbarn bereit war, seinen geliebten Traktor zu verkaufen. Die gehören hier fast schon zur Familie und stehen höher im Kurs als Frauen und Kinder. Einer wollte uns zwar ein Gespann Rennschweine vertickern, aber er konnte keine Garantie geben, dass die Tiere bis Wacken durchhalten. "Fragt doch mal beim öligen Ignaz nach", riet uns schließlich einer der Jungs. Der ölige Ignaz ist hier so was wie ´ne Legende, was Traktoren angeht. So ähnlich wie der alte Yngwie mit den Gitarren. Nur dass Ignaz lange nicht so freundlich und liebenswert ist wie Ying-Yang. Man spricht nur hinter vorgehaltener Hand über ihn (...ganz so wie über uns...) und meidet seinen Hof (...zumindest tagsüber...). Wenn nur die Hälfte aller Gerüchte, die wir so am Rande mitbekommen haben, wahr sind, so hat er wohl mehr Geschmacklosigkeiten verbrochen als Marilyn Manson... Also packten wir uns aufmunternde Type-0-Negative-Tapes in die Walkmänner und spazierten zum öligen Ignaz. Sein Hof bot einen beeindruckenden Anblick. Noch nie ist uns soviel Schrott auf einem Haufen unter die Augen gekommen. Aus einer Scheune sprühten die lustigen Funken eines uralten Schweißgerätes, scheppernde Gitarrensoli, irres Kreischen und das protestierende Gackern eines Huhns erfüllten die Luft. Als wir näher kamen, stürmte eine Gestalt heraus, die sogar unseren Klaus-Rüdiger um Haupteslänge überragte - der ölige Ignaz (...einer der wenigen Menschen, die zehn Kilo abnehmen können, wenn sie sich nur mal waschen...). Er musterte uns ungnädig und fragte schließlich: "Was wollt ihr Gelumpe denn hier?" Ein wenig verschüchtert erzählten wir ihm von unserer Kaufabsicht. Augenblicklich ließ er sich Bares zeigen und prüfte es nach Ödländer-Art (...er hat ein Markstück durchgebissen...). Dann bot er uns ´nen Schluck Toffelschnaps an. Wenn wir den, den wir mit der alten Destille im Keller selber brauen, mal mit Lefay vergleichen, so war seiner mindestens Slayer, wenn nicht gar Obituary. Als wir wieder zu Atem kamen, warnte er uns gleich noch vor: "Erzählt mir nicht, dass diese neuen Klampfer was taugen. Hendrix rules!" Eigentlich hätten wir da gerne mit ihm drüber diskutiert, doch die Tatsache, dass er einen Schmiedehammer bei sich trug und in seinen Augen dieses irre Glitzern, äh, glitzerte, hielt uns irgendwie davon ab... Ignaz zeigte uns eine beträchtliche Auswahl von mörderisch coolen Traktoren (...meist dick mit dekorativem Rost bedeckt...). Doch uns wollte keiner so recht gefallen. Deshalb bekamen wir nach jedem noch ´nen Schluck aus der Pulle und waren schon bald sturzbetrunken. Schließlich zog er eine Plane von einem Haufen Gerümpel: "Der wär´ doch was für euch." Tatsächlich - er hatte recht. Vor uns stand eine Monstrosität, die ihresgleichen nicht auf dieser Welt hat. Ein wahres Mörderteil, das mal irgendwann beim Traktor-Pulling übrig geblieben war. Mattschwarz und mächtig erhob es sich in den Sternenhimmel. Auf der Kühlerhaube prangte zudem noch ein Schild mit der
leuchtend roten Aufschrift THOR. "Der ist es!", erklärten wir in trunkener Begeisterung, worauf Ignaz eilig kassierte und uns zehn Minuten Zeit gab, von seinem Grundstück zu verschwinden. Das war jetzt leichter gesagt als getan, denn eine Tankfüllung war im Preis wohl nicht enthalten. Ich weiß nicht, wer von euch schon mal ´nen Traktor durchs Gelände geschoben hat...aber so ein Teil ist höllisch schwer. Bis zum nächsten Morgen hatten wir die zwei Kilometer zu unserem Hof dann doch hinter uns gebracht. Jetzt wissen wir, wie man sich nach Paris-Dakar fühlt (...man kotzt sich vor Anstrengung die Lunge aus dem Hals...).
Leider waren wir durch die immense körperliche Betätigung auch wieder nüchtern geworden. Unser THOR sah nun nicht halb so beeindruckend aus wie in der Nacht. Das Mattschwarz stammte hauptsächlich von diversen Kuhausscheidungen, eignete sich aber hervorragend dazu, den Rost zu kaschieren. Was das Traktor-Pulling angeht...wir müssen da noch mal nachforschen, ob´s das gegen 1872 wirklich schon gab. Hans-Jochen bestand noch darauf, den Motor in Augenschein zu nehmen (...als Philosophie-Student
versteht er davon ´ne ganze Menge...) Als er die Motorhaube öffnete, erwarteten wir irgendwas in der Art von: "Better keep this motor running! It was built for speed!" (...Wie damals, als Bon Jovi noch guten Sound gemacht haben...) Nun...die gute Nachricht: Äußerst sparsam im Verbrauch und überall zu betanken, wo´s Holz und Wasser gibt. Die Schlechte: Wie repariert man eine Dampfmaschine? Aber immerhin heißt das Teil THOR, was ja schon mal ein gutes Omen ist. Ein wahrer Trak-THOR also. Über alles andere machen wir uns erst wieder Gedanken, wenn wir ausgeschlafen haben.
In diesem Sinne also ein müdes:
Torf zu falsches Metall bei dem Zeichen der
Schaufel...


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