Spinal Tap: der Film der Filme

Im Bett mit Ronnie Pudding

von Matthias Breusch

Das Musikgeschäft ist ein Tummelplatz für Bekloppte. Auf jeden positiv Verrückten kommen mindestens 127 Schaumschläger, Dummköpfe, Halsabschneider oder unfreiwillige Freizeitkomiker.
This is Spinal Tap
ist die Mutter aller Rock’n’Roll-Schlachtplatten: Angerichtet ist der alltägliche Irrsinn aus kreativem Chaos, Geldgier und eitler Selbstdarstellung von Happy-Pop bis Hevy Mettel.

 

Für hart rockende und rollende Musikanten, die halbwegs über sich selbst lachen können, besitzt das Spielfilmdebüt des späteren Starregisseurs Rob Reiner, 1984 in nur 25 Tagen ohne Probeaufnahmen oder Drehbuch entstanden, überirdischen Stellenwert.

Egal was on the road schiefgehen mag, egal wie doof sich der Manager, die Plattenfirma, der Busfahrer, der Presseagent oder der Fanclub auch anstellen: Der Stoßseufzer »It’s fuckin’ Spinal Tap!« gehört zu ausnahmslos jeder laufenden Tour und fällt pro Tag und Band zwischen Passau und Pasadena mindestens ein halbes Dutzend Mal; jeder einzelne der Seitenhiebe auf die glitzernde Showbusiness-Welt genießt den Status eines Bibelverses und wird fleißig von genervten Gitarrentechnikern oder Tonmeistern zitiert, die ihre jeweilige Krabbelgruppe in Schach zu halten versuchen.

This is Spinal Tap und seine Macher genießen verdientermaßen kultische Verehrung. In dieser „Rockumentation“ über die immer rasanter abschmierende Comeback-US-Tour einer britischen Pomp-Metal-Band wird nichts ausgelassen: Schlagzeuger sterben wie die Fliegen bei der Gartenarbeit, explodieren »einfach so« auf der Bühne oder ersticken »an der Kotze von jemand anderem«, der Bassist stopft sich in Alufolie eingewickelte reife Zucchini in die Hose, um seine „power zone“ aufzumotzen, der Sänger wird von einer blondierten Esoterik-Bitch an der extrakurzen Leine gehalten, der Manager organisiert Benefizkonzerte für Tennisspieler, die von Terroristen als Geiseln festgehalten werden, und Gitarrengewittergott Nigel Tufnel zieht auf der Bühne nicht nur fürchterbare Grimassen, sondern brutzelt seine Licks auch noch über einen Marshall-Verstärker, dessen Knöpfchen man bis elf statt wie üblich nur bis zehn aufdrehen kann. Sein unschlagbares Motto: »It’s one louder!«

Tuffies Roadie ist ohne Zweifel die ärmste Sau der Rockwelt: Sein kettenrauchender Chef besteht grundsätzlich darauf, mindestens 50 Gitarrenständer und 150 Klampfen mit auf Tour zu nehmen. Darunter befinden sich neben der legendären Ernie Ball Nigel Tufnel Signature Guitar mit integriertem Tachometer und acht hintereinander montierten Humbuckern alleine 28 Wandergitarren und 35 unterschiedlich gestimmte Stratocaster-Bretter. All diese Hölzer muss sein Technik-Sklave auf der Bühne, im Studio, im Bus und im Hotel rund um die Uhr bereithalten, falls sich im verqualmten Schädel des Meisters eine Inspiration rührt.

Als erfinderischer Tausendsassa revolutionierte Axeman Nigel zudem die Zubehör-Industrie. Zahllose Regler sämtlicher nur vorstellbarer Gerätschaften lassen sich seitdem bis elf oder sogar zwölf kurbeln. Aber auch ein Wunderwerk wie das berühmte Sir-Denis-Eton-Hogg-Effektgerät, benannt nach dem Präsidenten der Tap-Plattenfirma Polymer, fand dank seiner abgefahrenen Geräuschpalette (stufenlos einstellbare Variationen vom vollen Aschenbecher bis zum leeren Hubschrauberlandeplatz) reißenden Absatz.

Darüber hinaus stimmt die modische Ausstattung der Band bis aufs i-Tüpfelchen: Heiße Accessoires der Mittachtziger-Metalszene wie die berühmten Spandex-Presswurst-Höschen werden ebenso gekonnt ins Bild gesetzt wie die „Rückblenden“ zu den Anfängen der Band in den Sechzigern, als sie sich noch The Originals, The New Originals oder The Love Bisquits nannte. Mal eiern unsere Helden als debile Beat-Combo durchs Scheinwerferlicht (genial kaputt: Ex-Bassist Ronnie Pudding), mal schlurfen sie als flauschig weichgespülte Flower-Power-Formation über den Bildschirm, während Nigel die Nerven der Zuschauer mit einer abgesägten Sitar zerfetzt.

Dabei ist This is Spinal Tap nur vordergründig Klamauk und ähnlich gelagerten Parodien wie Bad News mit der gleichnamigen britischen Holzhammerkapelle turmhoch überlegen. Leadsänger David St. Hubbins alias Michael McKeane, Veteran der US-Comedy-Legende Saturday Night Live, Bill-Clinton-Stimmdouble, Star Trek-Gaststar und Mitspieler in Kinowerken von so unterschiedlichen Größen wie Clint Eastwood oder Woody Allen, hat dafür eine schlichte Erklärung:

»Ich bin froh, dass es am Ende wie eine Geschichte aussah, die wirklich so hätte passieren können. Wir dachten, dass genau das der lustige Aspekt war.«

Aerosmith-Frontmann Steven Tyler bestätigte diese Aussage Mitte der 80er mit Bravour. Mitten in seiner Glanz-und-Elend-Zeit als vollgeknallter Superstar am Abgrund konnte er die Ironie des Streifens nicht nachvollziehen: »Wo ist denn hier der Witz? Das ist doch wie bei uns zu Hause.« Eben.

Ob dies auch das Problem war, weshalb sich lange Zeit unter den Vollgeknallten Hollywoods kein Produzent finden ließ, ist eines der ungeklärten Rätsel der Kino-Historie. Jedenfalls dauerte es seit eines 1978 im US-Fernsehen gesendeten Pilot-Sketches insgesamt sechs Jahre, bis sich nach mühevollem Klinkenputzen bei verständnislos ins Leere glotzenden Filmfritzen eine Company fand, die bereit war, das Projekt zu finanzieren. Und als Kameramann Peter Smokler, ein Spezialist für Dokumentarfilme, gerade alle Bänder im Kasten hatte, »überlebten wir eine ganze Serie von Guillotinen-Messern, die hinter uns einschlugen, als die Veröffentlichung bevorstand«, erzählt Bassist Derek Smalls alias Harry Shearer. Der studierte Politikwissenschaftler, der über ein Dutzend Stimmen zum Serien-Dauerbrenner The Simpsons beisteuerte, Ronald und Nancy Reagan für das bitterböse britische TeeVau-Puppentheater Spitting Image synchronisierte und Gastauftritte in Waynes World II und einem Godzilla-Remake in seinem Lebenslauf stehen hat, bekam aus nächster Nähe mit, »wie die Firma buchstäblich an allen Ecken und Enden zusammenbrach«.

Am Ende reichte es zwar noch zur pünktlichen Veröffentlichung; letztlich avancierte This is Spinal Tap in kommerzieller Hinsicht jedoch nie zu einer Cash-Maschine der Größenordnung Rocky Horror Picture Show oder Almost Famous. In Ländern wie Germoney dürfte dies auch daran gelegen haben, dass sich der Streifen aufgrund seiner Fülle an Wortspielen, die am Rock’n’Roll-Slang kleben, als „unübersetzbar“ erwies. Immerhin schließt die seit 2000 lieferbare Doppel-DVD hier mit ihren - leider nur zweitklassigen - deutschen Untertiteln grob die eine oder andere Verständnislücke.

Bemerkenswert ist in jedem Fall, dass Spinal Tap echter sind als manche vermeintlich reale Band, die in Wirklichkeit mit bezahlten Songwritern und scheppernden Drumcomputern arbeitet. So echt, dass ihre Figuren ähnlich wie die Leningrad Cowboys, Dame Edna, Tenacious D. oder Herbert Knebel & sein rockiges Rentner-Affentheater ein hieb- und stichfestes Eigenleben führen.

Shearer, McKeane und ihr Komplize Christopher Guest (alias Tufnel; Regisseur und Autor sowie Ehemann von Hollywood-Diva Jamie Lee Curtis), hatten »die Schnauze voll von all den Rock’n’Roll-Filmen, in denen kein Mensch wirklich Musik macht«. Also schrieben die Hobbymusiker den Soundtrack selbst, verfassten buntscheckige Texte, in denen die stereotype „love gun“ schon mal zum „pink torpedo“ mutiert, und spielten ihre Instrumente eigenhändig ein. Mit This Is Spinal Tap (1984) und Break Like The Wind (1992) stehen seitdem zwei Longplayer im Hardrock-Archiv, gegen deren Arsenal aus eigenwilligen Gassenhauern (‘Big Bottom’, ‘Sex Farm’, ‘Hell Hole’) ganze Heerscharen von Trittbrettfahrerkapellen und Möchtegern-Rockstars auch in mehreren Leben nicht anstinken können.

Den letzten Beweis für die musikalische Substanz und künstlerische Klasse der Satire-Drillinge lieferte The Return Of Spinal Tap, ein am 7. Juli 1992 in der ausverkauften Royal Albert Hall in London mitgeschnittener Gig der frech betitelten „Reunion-Tour“. Die damaligen Mittvierziger überzeugten seinerzeit ohne Netz und doppelten Boden stimmlich und instrumental mit großer Bandbreite von Skiffle-Musik über A-cappella-HipHop bis hin zum monumentalen Stadion-Rock der Marke The Who oder The Tubes. Ganz davon zu schweigen, dass die drei amerikanischen Perückenmonster es nebenbei auch noch schafften, bei keiner einzigen Wortmeldung ihren hüftsteifen britischen Akzent zu vernachlässigen. 

Mehrere inoffizielle Weltrekorde hatten sie wenige Wochen zuvor, im April ‘92, aufgestellt. Bei fünf öffentlichen Vorspiel-Terminen auf drei Kontinenten wurden über 100 Felldrescher streng auf Herz und Nieren geprüft, um bei plötzlichen Todesfällen im Laufe der Tournee sofort Ersatztrommler hinter die Schießbude setzen zu können. Bei der Veranstaltung im Los Angeles Coliseum, wofür sich 400 mehr oder minder prominente Knüppelburschen beworben hatten, blieben am Ende rund 89.973 der 90.000 Sitzplatzkarten im Kassenhäuschen liegen.

Rock the Doc!

Unter „Spinal Tap“ versteht der Onkel Doktor eine Nervenwasser-Entnahme aus dem Rückenmark. Dem Opfer wird hierzu eine Nadel in ein beliebiges Weichteil zwischen zwei Wirbelsäulenknochen getrieben, um die Hirnflüssigkeit abzupumpen.

Tufnel (»schmerzhaft!«) und St. Hubbins (»äußerst schmerzhaft!«) wollten mit der Wahl dieses Bandnamens »künstlerisch unterstreichen«, wie wichtig ihnen tiefschnittige Rock’n’Roll-Operationen ohne Narkose sind.


* SPINAL TAP * This Is Spinal Tap * MGM, 2000 * 165:00, Doppel-DVD *

Die Doppel-DVD enthält als Extra eine Tonspur, auf der die drei Hauptdarsteller ihren Film rund 20 Jahre „danach“ noch einmal in voller Länge kommentieren.
Dazu kommen rund 125 Minuten Extras; hauptsächlich Szenen, die beim ursprünglichen Schnitt nicht berücksichtigt wurden.


SPINAL TAP * The Return Of Spinal Tap * Second Sight, 1999 * 110:00, VHS-Video *

„The Return Of Spinal Tap“ arbeitet mit zwischengeschalteten „Interview“-Sequenzen und Sketchen, in denen die Helden von „damals“ erneut zu Wort kommen. Nigel hat sich als Erfinder von faltbaren Weingläsern verwirklicht, David arbeitet als Fußballtrainer von fünfjährigen Mädels, und Derek stellt seinen 86-jährigen Vater vor, der als Telefondesinfizierer mit seinem Sani-Taxi von Hausfrau zu Hausfrau eilt. Gut klauen – in diesem Fall bei Douglas Adams´ „Das Leben, das Universum und der ganze Rest“ - können die Herren also auch...



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