Mit Satanic Ulrich in San Francisco:
Räucherstäbchen schmecken nicht

Ihr alle da draußen denkt euch bestimmt:
"Der Satanic-Ulrich und die High-and-mighty-alone-we-are-Kings führen in ihrer Ödland-True-Metal-Öko-WG ein ruhiges und beschauliches Leben, fernab von Schmutz und Stress der Großstadt." Aber weit gefehlt. Was den Schmutz angeht...ich weiß ja nicht, wie viele von euch schon mal das zweifelhafte Vergnügen hatten, einen ökologischen Schafstall auszumisten. Aber lasst euch gesagt sein, dass Schafkacke erbärmlich stinkt. Da hilft nur ’ne Wäscheklammer auf der Nase und alter Carcass-Sound im Walkman (...dann lenkt der Schmerz im Ohr vom Gestank ab...).

Und der Stress? Seid versichert, dass auch wir hier Zeiten haben, zu denen wir absolut ungenießbar sind und nur die ersten paar Scheiben der viel zu früh verblichenen Celtic Frost hören. Das ist dann, wenn alles auf einmal kommt: Ein Schaf wird krank, die Stütze wird gekürzt, die Nachbarn tauschen ihre Sicherheitsschlösser an den Vorratskammern, die neue Virgin-Steele-CD wird auf September verschoben (...eine Ewigkeit bis dahin...), und die Eichhörnchen im Wald werden ganz unruhig und greifen sogar am hellichten Tage harmlose, langhaarige Spaziergänger an.
Kurz gesagt: Unsere Nerven liegen blank, wir sind übel gelaunt, reden nur noch in bester Black-Metal-Manier miteinander (...heiseres Kreischen...) und müssen uns echt zusammenreißen, wenn wieder mal ein Nachbar mit ’ner bescheuerten Frage daherkommt ("...habt ihr meine Erdbeeren geklaut?...").

Bevor wir uns aber Kettensäge und Mistgabel schnappen und mit Fighting the World als Soundtrack einen grausigen Jihad gegen alle Ungläubigen beginnen, machen wir lieber ein wenig Urlaub vom Ödland und dem ganzen Trara...J
etzt kommt natürlich die große Frage: Wo macht man Urlaub vom erholsamsten aller Orte diesseits der Sterblichkeit? Es kann nur eine Antwort geben: in Uelzen, der City of Light!

Natürlich hat uns unser alter Freund, Mentor und Sozialarbeiter Ogez auf den Trichter gebracht. Vor ein paar Tagen fanden wir in seiner Küche (...wo wir immer, wenn sich die Gelegenheit gibt, den Kühlschrank plündern...) eine Einladung zu ’nem Biofeedback-Wochenende (...im Haus Gänseblümchen...) unter dem Motto "Lebe in völliger Harmonie mit dir selbst, der Natur, dem Universum und all deinen Mitmenschen" ...oder so ähnlich. Auf jeden Fall sahen wir die magischen Worte, die den Wisch darüber hinaus zierten (...Speisen und Getränke frei...), und uns wurde schlagartig klar, dass es unsere Bestimmung sein musste, dorthin zu pilgern. Um unseren Ogez nicht mit einer Dankesrede in Verlegenheit zu bringen, steckten wir das Teil (...mitsamt den Fahrkarten und dem Inhalt seines Kühlschranks...) in unsere geräumigen Taschen.

Freitag drauf saßen wir dann schon im Zug gen Norden. Zuerst war unser Abteil ziemlich bevölkert. Doch irgendwann kriegten wir es gemanagt, unseren Kassettenrecorder ans Stromnetz der deutschen Bahn zu klemmen (...Hölle, war das Teil LAUT...). Abgesehen von ein paar Schaffnern, die es gar nicht fassen konnten, dass wir tatsächlich über gültige Fahrkarten verfügten und immer was von "leiser!" blubberten (...dabei können wir doch gar nix dafür, dass die Züge so höllisch laut sind...), war die Reise recht langweilig.

Gegen Mittag erreichten wir dann das Ziel aller harmoniebedürftigen Menschen – Uelzen, das deutsche San Francisco. Schon als wir aus dem Zug taumelten (...Toffelschnaps rules...), breitete sich ein ganz sonderbares Gefühl in unseren geschundenen Körpern aus, tropfte wie Balsam auf unsere blank liegenden Nerven. Tiefe Zufriedenheit, Verständnis und all so was breitete sich wie eine warme, weiche Daunendecke über uns, zauberte das lang vermisste Grinsen zurück in unsere Mundwinkel. Und tatsächlich stand schon ein Langhaariger (...mit Nickelbrille, Peace-T-Shirt und einem Dutzend cooler Amulette...) auf dem Bahnsteig, um uns in Empfang zu nehmen.

„Ich bin der Hans-Sebastian vom Haus Gänseblümchen.“, stellte er sich artig vor. „Und sie sind sicher Herr Ogez, unser Gastdozent zum Thema ‚kosmische Klänge und seelische Ausgeglichenheit‘.“

"Besser hätte ich’s auch nicht ausdrücken können", dachte ich so bei mir, und stimmte natürlich freudig zu, denn mit kosmischen Klängen konnte der Typ ja garantiert nur Virgin Steele und Manowar meinen. Während er uns zu einer knallgelben Ente führte, zeigte er noch ein wenig Erstaunen ob meiner zahlreichen Begleiter ("...ich weiß gar nicht, ob wir alle Platz in meinem kleinen Auto haben..."). Aber er hatte sich zu viele Sorgen gemacht. Wir fünf passten prima in das Teil rein. Rasch ließen wir uns eine Wegbeschreibung zum Haus Gänseblümchen geben und brausten davon. Er lief uns noch’ne ganze Weile winkend hinterher. Echt herzlich, die Leute hier...
Leider gab es in dem Auto keinen Kassettenrecorder, dafür fanden wir eine uralte Akustik-Klampfe. Und schon bald war in der Ente eine ziemlich friedvolle und entspannte Unplugged-Session im Gange (...hervorragend: Kings of Metal....). Nach einer ausgedehnten Stadtrundfahrt (...und dem einen oder anderen Zwischenstop in diversen, lustigen Kneipen...) stellten wir enttäuscht fest, dass es hier anscheinend doch keine Golden Gate Bridge gibt, so dass wir Kurs auf Haus Gänseblümchen steuerten.

Dort wurden wir von einer Torte, die wohl tatsächlich noch live in Woodstock rumgehangen hatte, über alle Maßen herzlich empfangen ("...wir haben uns schon Sorgen um euch gemacht. Besonders nachdem Hans-Sebastian anrief und behauptete, sein Auto wäre ihm gestohlen worden...").

Nach einem kurzen Umtrunk mit zahlreichen anderen Althippies schleifte uns die Tussi vom Eingang ("...nennt mich ‚Mondschein‘...") zu einer Besichtigungstour. Die Küche fanden wir so interessant, dass wir gleich mal dort blieben, um von unserem unveräußerlichen Recht auf freie Verköstigung Gebrauch zu machen. Mondschein und Konsorten fanden das zwar nicht so doll, aber ich erklärte ihnen, dass ein knurrender Magen die Harmonie des Universums ganz gewaltig stören kann. Als wir uns die Wampe ordentlich vollgeschlagen hatten, ließen wir uns von irgendeinem Knecht auf unsere Zimmer führen und fielen wie Steine in unsere Betten, um den Schlaf der Gesättigten zu schlafen.

Am nächsten Morgen stürmten Mondschein und ihre Kollegen mit Gongs bewaffnet unsere Bude, um uns zur Morgenmeditation zu holen. Es hat mich tatsächlich eine geschlagene Viertelstunde gekostet, ihr zu verklickern, dass wir hier gerade einen Workshop im Heilschlafen abziehen und erst zum Mittagessen gestört werden dürfen. Ein wenig beleidigt zog sie dann ab, aber in dieser friedvollen, ausgeglichenen Atmosphäre kann man unmöglich ernsthaft sauer sein...

Nach dem Mittagessen (...Tofu auf kaltem Reis...unterbrochen von einem schwer beladenen Pizzaboten, den wir in weiser Voraussicht bestellt hatten...) krallten wir uns erst mal ein paar Liegestühle, um Siesta zu halten. Mondschein wies uns zwar darauf hin, dass irgendeiner ihrer Spießgesellen jetzt eine Lesung aus seinem aktuellen Werk (...der Pulsschlag des Kosmos...oder so was in der Richtung...) halten wollte, doch wir wiesen sie taktvoll darauf hin (...viel Spaß! Wir sind im Garten !), dass wir jetzt unbedingt ein uraltes Sonnenanbeter-Ritual abhalten müssten. Und endlich hatten wir auch wieder einen CD-Player organisiert. Über die Ruhe, den Frieden und die Ausgeglichenheit erklangen also feine Sounds von Queensryche, Motörhead, dem alten Yngwie und (...wenn uns der Frieden echt endgültig übermannte...) durchaus auch mal die Flowerkings.

Klaus-Rüdiger erteilte einem der Althippies auch noch einen Schnellkurs in Suggestion ("...du bringst uns Bier – sofort!"), der ihm und uns bewies, dass da mehr Dinge zwischen Himmel und Erden sind, als sich durch unsere Schulweisheit erklären lassen.
Gegen Abend, gerade als die Ruhe und all der Frieden anfingen, uns ein klein wenig zu nerven, kam Mondschein des Wegs, um mich an meine eigene Vorlesung zu erinnern. Rasch sammelte ich meine breit grinsenden WG-Genossen um mich, und wir enterten den Sitzungsraum. Zahlreiche Althippies und Körnerfresser starrten mich erwartungsvoll an, als ich Hans-Jochen anwies, aus den ganzen Eso-Lämpchen eine brauchbare Lichtorgel zu basteln. Während wir auf die Früchte seines handwerklichen Geschicks warteten, machten wir die schmerzhafte Erfahrung, dass man Räucherstäbchen nicht rauchen kann (...und essen auch nicht – schmecken scheiße...).
 

Dann entfernte ich das flache Hintergrundgesäusel (...nix gegen New-Age-Sound, wenn’s Richtung Gandalf, Vangelis oder Lanvall geht. Kommt hin und wieder echt fein. Aber was die da so laufen hatten, fiel deutlich in die Kategorie "Dreijähriger steht am Keyboard & furzt dazu"...) und ersetzte es durch The Marriage of Heaven and Hell Pt.I. Bevor ich die Play-Taste drückte, erzählte ich den Seminarjunkies noch die auf der Hand liegende Geschichte ("...hört euch das mal an, auf dass ihr erfahret, was richtiger Sound ist. Da zucken die Muskeln im Nacken und das Hirn explodiert, zergeht in einer blitzenden und glimmernden Kaskade Wohlgefallens. Wer will, kann hinterher die Texte von mir kriegen. Und wer mich nachher ernsthaft fragt, ob es einen Gott gibt, verliert seinen Lebens-Berechtigungs-Schein...").

Dann war bangen angesagt. Zu unserer Überraschung machten die Biofeedback-Gestalten (...allen voran Mondschein...) tatsächlich mit und ließen die Matte kreisen, daß es eine wahre Pracht war...
Nach der CD wurden wir dann von dem mystischen Drang überwältigt, ein wenig Toffelschnaps nachzufüllen. Unsere Seminar-Brothers & Sisters waren ganz angetan von unserer Version kosmischen Sounds und fühlten sich zwar ziemlich erschöpft aber endlos ausgeglichen und eins mit dem Universum. Wir setzten die Therapie dann fort, bis schließlich die Bullen angerauscht kamen und Frau Prof. D. Mielstein (...Mondschein...) höflich darum baten, den Lautstärkepegel ein wenig zu senken. (...Wieder ein Beweis dafür, daß Uelzen das deutsche San Francisco sein muss. Im Ödland sagen die Freunde & Helfer nämlich nur mit dem Knüppel bitte...)
Am nächsten Morgen stellten wir fest, dass unsere Althippies sehr lernfähig waren. Keiner kam uns wecken. Und als wir zum Mittagessen eintrudelten (...der Pizza-Bube hatte noch schwerer zu tragen als gestern...), waren wir die Ersten. Der Rest der Bande kam tröpfchenweise angetaumelt – und alle hatten höllische Nackenschmerzen. Seltsam...

Wir waren schon drauf und dran, mit den Brothers & Sisters hier so was wie Blutsbrüderschaft zu schließen, so entspannt, relaxed, harmonisch und friedlich ging es hier ab. Doch dann fing doch einer von Typen tatsächlich an, auf elend sexistische Art unsere Dörthe dumm anzumachen:
"Wenn ich dir die Hand auflegen darf, könnte ich deine Chakren reinigen", hat er ihr wohl angeboten. Doch unsere Dörthe ist ein anständiges Mädel und macht solchen Schweinkram nicht mit (...zumindest nicht, wenn der Typ so scheiße aussieht wie der Reinigungsmeister...). Also zeigte sie ihm ihre Version des Handauflegens – was wohl sein Nasenbein und die Harmonie zwischen uns brach.

In einer blitzartigen Eingebung spürten wir alle gleichzeitig, daß nun der ultimative Moment gekommen war, heim ins Ödland zu gehen. So griffen wir uns alles, was nicht niet- und nagelfest war, stürzten zu der knallgelben Ente und tuckerten (...es ist Uelzen...es ist friedlich...es wird getuckert...) zurück zum Bahnhof. Eine halbe Stunde später saßen wir wieder im Zug nach Süden – cool & relaxed und mit diesem Lächeln, das du sonst nirgendwo auf der Welt findest (...außer in Uelzen, San Francisco und eventuell, wenn der Schwangerschaftstest doch negativ war...). Bereit, uns wieder dem unglaublichen Stress und der unbarmherzigen Härte des Ödlandes von Schwäbisch-Sibirien zu stellen...

Satanic-Ulrich & die Jungs & Mädels, ogez@gmx.de



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