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Wahn
nach Plan: Heavy Metal Promotion
Quuuuurps & Quuuaarps: Hose voll?
von
Matthias Breusch
Selbst erfolgreiche Chartbreaker
wie das Orchester der Bundeswehrkantine kommen ohne sie nicht aus:
Promotion. Große Geheimnisse hat diese Sektion des Musikgeschäfts nicht
zu bieten. Dennoch steckt hinter dem Kurzwort „Promo“ weit mehr als nur
das Verlosen der gleichnamigen Umsonst-CDs: Viel Arbeit und vor allem
gute Nerven sind nötig, um das Irrenhaus der Verkaufsförderung ohne
Langzeitschäden zu meistern.
Zwischen
Presse, Radio und TV sowie den
Plattenfirmen bzw. Konzertveranstaltern würde ohne
Promotion-Abteilungen eine riesige Informationslücke klaffen. Sinn und
Zweck: Die ungeheure Flut an Veröffentlichungen und Tourneen muss über
eine zwischengeschaltete Werbeabteilung oder freischaffende Agentur
kanalisiert werden, sonst blickt auf einem überbordenden Musikmarkt wie
dem germanischen kein Mensch mehr durch, welche Kapelle demnächst zu
veröffentlichen gedenkt, wann Combo X auf Tour geht, wann Gruppe Y für
Interviews zur Verfügung steht und welche Musikanten zur Zeit im Studio
die Laute rupfen.
Promoter
erkennt man an ihrem Fernsprech-Finger. Dieser wählt sich
täglich am
Telefön wund, um allerlei Redaktören alteingesessene oder brandneue
Combos schmackhaft zu machen. Dazu werden rund ums Jahr Hunderte und
Tausende von Info-Mappen verfasst und samt der erwähnten Promo-CDs
verschickt, die in erster Linie für Rezensionen und Wertungsrubriken
wie die monatlichen Soundchecks der Magazine gedacht sind, manchmal
aber auch per Verlosung in ganz „normalen“ Händen landen. Seitdem die
ganze Rockwelt online ist, gehören natürlich auch eine aufwendige
Website und regelmäßige Elektropost-Newsletter zum Promo-Programm.
Hauptsächlich
geht es allerdings um das Bekanntmachen neuer Tonträger
und das
Koordinieren von Interview-Terminen bzw. ganzer Promo-Tourneen, wenn
Mucker X in sieben deutschen Städten täglich 13 Pressefritzen vom
Anzeigenblatt bis zum Fleischwurst-Fanzine Rede und Antwort steht.
Dieser Marathon endet manchmal auch damit, dass ein gewisser
Gitarrenheld, nennen wir ihn der Einfachheit halber Yngwie Johann
Mahlzeit, von morgens um zehn bis abends um acht mit jedem neuen
Gesprächspartner eine Flasche Flens aufmacht und bei Feierabend im
Dunkeln mit 2,9 Promille und Sonnenbrille neben einer leeren Kiste Bier
sitzt, die Wand anstarrt und nicht mehr „piep“ sagen kann.
Lustig ist
das Musikantenleben - das Los des hauptberuflichen
Promo-Agenten
mitunter indes auch ein hartes. Ganz unten reihen sich dann Menschen
wie US-Multiseller Glenn Danzig ein: Der Muskelzwerg klatschte seiner
deutschen Promoterin einst backstage ein zusammengerolltes Rock Hard
ins Gesicht (»Wieso hast du blöde Schlampe zugelassen, dass diese
Arschlöcher sowas schreiben?«), weil ihm eine süffisant formulierte
News-Meldung über sein menschenfreundliches Verhalten zugetragen worden
war.
Die großen
Plattenfirmen beschäftigen in der Regel eigene
Abteilungen, um ihre Erzeugnisse unters Medienvolk zu bekommen. Dabei
blühten bis zu
Beginn der Branchen-Rezession im Stillen planwirtschaftliche
Buchhaltersysteme, Marke Ostblock brutal. So mancher Major-Promoter
kann ein Liedchen davon singen, was es heißt, wenn die Acts der Company
in alphabetischer Reihenfolge auf die Promo-Büros verteilt werden. Hat
die Promoterin (meistens sind´s Frauen) nämlich Pech, dann durfte sie
sich nicht nur um die Lieblings-Rockbands von E bis H kümmern, sondern
muss nebenbei auch noch dafür sorgen, dass ein volkstümliches
Harfenzithersextett, zwei rappende Quietschi-Girls, ein
Klassik-Sampler, eine Boygroup, drei Liedermacher, fünf Schlagerfuzzis
und zwei kenianische Ethno-Trommeltanzgruppen im Feuilleton der „FAZ“
oder auf der „Vermischtes“-Seite eines Zeitgeistmagazins besprochen
werden. Und wenn es den Chefs gerade in den Kram passt, wird das Ganze
acht Monate später auf drei Sub-Labels verteilt und wieder nach
Stilrichtungen umsortiert.
Was bei den
Pressefritzen und vor allem den Spartenmagazinen noch recht
einfach ist, wird bei den Radioleuten und den mitunter über dem Rest
der Welt schwebenden TeeVau-Redaktionen für die Promoter zum reinsten
Affentanz. Denn da die Elektro-Medien den größten Werbe-Effekt
versprechen, werden deren Vertreter in der Regel ohne Sinn und Verstand
mit Zuwendung und Tonträgern aller Art überschüttet, von denen sich
ebenso regelmäßig weit über 90 Prozent, ohne je gespielt worden zu
sein, bereits kurz darauf in den Regalen der Second-Hand-Shops
wiederfinden.
Da man
bekanntlich als Underdog doppelt soviel leisten muss wie das
Establishment, um überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden, sind viele
jener Promoter, die sich um harte Mucke kümmern, in der Regel
Wahnsinnige oder Rock´n´Roll-Süchtige.
Da wäre zum
Beispiel Metal-Blade-Geschäftsführer Michael Trengert,
ehemals
bei Nuclear Blast Records im schwäbischen Donzdorf tätig. Er hat vor
allem die Zusammenarbeit mit den durchgeknallten Schwanzrockern
G.W.A.R. in bester Erinnerung:
»Absolut
brillante Band. Denen haste ´ne Kiste Bier hingestellt, und
dann haben die rumgesaut, Sofakissen aufgeschlitzt und die Leute
angebrüllt. Genial.«
Perfektes
An-den-Mann-bringen der Ware also. Weshalb Trengert zur Zunft
der diplomierten Abfahrer gehört, bewies er, als er Anfang der
Neunziger mit den Österreichern Pungent Stench eine Tour ins Blaue aus
dem Stegreif organisierte. Ohne sich großartig vorher angekündigt zu
haben, reiste der schräge Haufen monatelang quer durch Südostasien und
Ozeanien, spielte Spontangigs in neuseeländischen Tanzdielen,
übernachtete in arabischen Bordellen am Wegesrand - und „Mighty T“
brachte seine Schäfchen sogar wieder heil zurück.
Noch besser
hätte er es nur mit The Great Kat geschafft: Die
preisgekrönte
amerikanische Violinen-Virtuosin - laut eigener Aussage die weibliche
Wiedergeburt von Ludwig van Beethoven - legte sich im Alter von 17
Jahren eine E-Gitarre zu, nachdem sie von ihren betuchten alten
Herrschaften im geschlossenen Vollzug eines teuren Musikinternats
gehalten wurde wie eine Aktienoption. Als die junge Dame den
Bügelfaltenterror und den Muff aus tausend Jahren erst mal hinter sich
gelassen hatte, begann sie damit, die Schicksalssinfonie als
neoklassische Coverversion „Beethoven On Speed“ in zweieinhalb Minuten
abzuschrubben. The Great Kat war zu ihren Glanzzeiten dafür bekannt,
auch in ihrer Freizeit ununterbrochen rumzubrüllen und von sämtlichen
Anwesenden zu verlangen, sich zwei- bis drei Mal pro Minute auf den
Teppich zu knien und ihre Göttlichkeit zu preisen. Als sie ihre erste
und letzte europäische Promotion-Tour unternahm, beendete sie sämtliche
Interviews innerhalb der ersten drei Minuten, indem sie ihre
Gesprächspartner mit Gegenfragen der Sorte „Wie findest du
mein neues Album?“
konfrontierte. Da niemand bereit war, das irrwitzige Gerumpel „genial“
zu finden, schrie sie solange wie am Spieß, bis der Putz von der Decke
rieselte, und verließ dann wutschnaubend das jeweilige Büro bzw. die
entsprechende Hotelbar.
Dass
erfolgreiche Promo - gilt für Mucker und Journalisten
gleichermaßen -
auch mit Hautkontakt zu haben soll, läuft vielen Promoterinnen als
böses Gerücht hinterher. G.U.N. Records-Teilzeitpromoterin Silke
Yli-Sirniö, Fulltime-Rock´n´Rollerin und zudem mit ihrer eigenen Firma
Tough Enough im Geschäft, ist von Hause aus auch noch blond und damit
ohnehin prädestiniert für üble Nachrede jeder Art. Die Dame hat den
Spieß einfach umgedreht und macht mit dem Begriff „Ganzkörperpromo“
selbstironisch Werbung in eigener Sache. Ernsthaft hautnah wurde es für
sie allerdings auch erst, als die von ihr betreute Finnen-Punk-Kapelle
Hybrid Children während der PopKomm ´94 komplett unter fürchterlichem
Durchfall litt. Um den Showcase auf der Messe zu retten, organisierte
Silke schlicht eine Weekend-Packung Pampers und schickte die Jungs
gewindelt auf die Bühne, wo vor lauter Krach kein Mensch das Quuuurps
und Quuuaarps in den Beinkleidern der Truppe mitbekam. Der Erfolg gab
ihr recht: »Der Gig war einfach
scheißegeil.«
Auf
der Spitze des des deutschen Promo-Eisbergs thronte lange Jahre
allerdings ein Zeitgenosse, der dem Begriff „echt total irre“ eine neue
Dimension verlieh: Olly Hahn, seines Zeichens pfundiger Metal-Experte
des Hannoveraner Promotion-Büros CMM bis 1999 und seitdem in gehobener
Stellung beim Label SPV tätig. »Der
Olly«, wusste Wolfgang
Rott zu gemeinsamen cmm-Zeiten zu
berichten, »schreibt
seinen
Lieblingsbands unter unseren Klienten sogar die Setlist für die Tour um
und redet ihnen ins Gewissen, welche Songs besser ankommen, oder er
weist sie dezent daraufhin hin, dass in die vorläufige
Special-Thanks-Spalte ihrer CD noch zwei, drei Namen gehören, die sie
vergessen haben.«
Persönliche Betreuung der Güteklasse A. Logisch, dass Olly von jedem
Underground-Quartett, das seit 1827 einen Langspieler veröffentlicht
hat, auf Kommando sämtliche Infos runterrattern kann und selbst vor den
Spitznamen von Gastmusikern nicht halt macht, die auf dem dritten Song
der B-Seite vier Takte mit einer vom nächsten Imbissstand ausgeborgten
Wandergitarre beigesteuert haben.
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