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Zwangsdienst an der Putinorgel: Miss
Tübingen in der Gewalt des K.G.B.!
Falls
du eine Echo-Verleihung als Preisträger verlässt, ist die
Wahrscheinlichkeit
recht hoch, dass du den größten Haufen Dung der Branche abgeladen hast,
um den
die meisten Fliegen kreisen.
Solltest
du jedoch seitenweise vernichtende Verrisse in den Presseorganen der
Muckerpolizei einstecken, heißt das noch lange nicht, dass du wirklich
so
schlecht bist, wie du gemacht wirst.
Die
Tübinger Punkrock-Legende gehört weder zur ersten noch zur zweiten
Kategorie. K.G.B. sind tiefsinnig, gewitzt, vielseitig, politisch
hellwach,
provokant. Echter geht´s nicht. Ihre Ohrwürmer haben ebenso wie ihre
Einstellung schlicht und einfach Klasse. Und das seit über 20 Jahren.
Textlich,
menschlich, musikalisch; zudem optisch ideal verpackt mit den
plastischen
Comics von Peter Puck. Nur solche Bands schaffen es zu ernsthaft
kontroversen
Reaktionen: Beim Muckermagazin „Soundcheck“ riet man 1990 eindringlich
vom
Longplayer „Einmal rund um die Sonne“ ab („als
Walkman-Cassette für den Karibik-Urlaub nicht geeignet“),
während die Scheibe im schrägen „Shark“ als „Not-Ration
für die einsame Insel“ gepriesen wurde. Ein Fanzine namens
„Ketchup“
definierte die bissigen Töne von der Alb 1986 dagegen mit den
prophetischen
Worten: „Die Russen
wären froh, ihr Geheimdienst
könnte solch eine Musik machen.“ Der
Werdegang des unmusikalischen Ex-KGB-Fieslings Wladimir Putin bestätigt
diese
These sicher deutlich.
„Da
werden den alten K.G.B.-Fans die Zähne rausfallen! Wir müssen diese
Platte
unbedingt vor der Gesundheitsreform rausbringen!“
Lieder
–
zu schade für die Hitparade: K.G.B.-Producer Alex Parche weiß, wie
man´s
richtig krachen lässt.
Mit
ihrer Mischung aus Humor, Bodenhaftung, Inspiration und Leidenschaft
mutierten die Underground-Heroes des Ende 1980 gegründeten schwäbischen
Punk-Orchesters weder zu Superstars noch zu Doppelnullen. Stattdessen
sammelten
sie auf ihrer langen Wegstrecke seit dem ersten Gig im Februar ´81 mit
phasenweise über 200 Konzerten pro Jahr jede Menge Freunde fürs Leben.
Egal ob
das Motto nun „Kein
Grund zur Beruhigung“, „Korrupt Gierig
Bestechlich“, „Königstreu Gottergeben Blasiert“ oder „Kern Gesunde Biertrinker“ lautete.
Wer
zweimal mit „Kraut-Core“ und Kumpels wie den Toxic Reasons quer durch
Nordamerika
getingelt ist, obwohl als Equipment lediglich ein einziges Plektrum in
der
Reisetasche steckte, und mit wohlwollenden Pressestimmen („Die
deutschen Dead Kennedys!“)
wieder zu Hause ankommt, den haut ohnehin so schnell nix mehr um.
Erst
recht kein Auftritt auf dem Branchen-Jahrmarkt PopKomm. Es dürfte
nicht viele Acts geben, die sich im Rahmen der Deutzer Messe getraut
haben, bei
einem wichtigen Showcase ohne Basser aufzutreten. Das Langholz lehnte
1990 cool
im Ständer, dekoriert mit einem kleinen Schildchen. Aufschrift:
„krank“.
Tieftöner Lampe hatte es scheinbar vorgezogen, sich stattdessen etwas
intensiver mit Miss Tübingen zu beschäftigen und die Dame kurzerhand zu
ehelichen, was selbst dem Jodeldirndl-Magazin „Praline“ eine Meldung
wert war.
Kein Wunder: Der Mann hatte sich immerhin sogar vom Grundwehrdienst bei
der
Bundeswehr mit der gerichtlich erstrittenen Begründung beurlauben
lassen, er
könne „unter Druck nicht arbeiten“.
So
viel zu den Freunden. Kommen wir zu den Gegnern. Typ A: Punk-Spießer,
die
es nicht verknusen können, wenn eine Band statt im
Einheits-Schnorrer-Outfit
auch mal im Glam-Look mit Cowboystiefeln auftritt. Typ B: hauptsächlich
fanatische Fans scheinheiliger Promis wie XY-ungelöst-Ede Zimmermann,
Lady
Diana Spencer oder Verona Feldbusch. Vor allem der Spinatwachtel und
Ex-Bohlen-Gattin standen K.G.B. mit dem herzigen Jubelständchen „Ein
Wochenende
in Verona“ saftig zur Seite. Logische Folge: Man bekam 1999 von der
Kulturredaktion der „Bravo“ („völlig
misslungen“) die Rote Karte. Damit lag das Bauer-Blatt zum ersten
Mal auf
einer Linie mit „Radio Vatikan“. Die Station von DJ Ratzinger weigert
sich laut
eines Berichts im „Löwen Veranstaltungs Magazin“ seit Jahrhunderten
beharrlich,
K.G.B.-Songs ins Programm zu nehmen. Ebenfalls nicht ganz so begeistert
von den
Aktivitäten der Kollegen schien The-Sweet-Boss Andy Scott gewesen zu
sein, als
er mitbekam, dass K.G.B. es wagten, bei einem gemeinsamen Auftritt
ausgerechnet
den Sweet-Evergreen „Ballroom Blitz“ doppelt so scharf gewürzt zu
spielen wie
die Herren Oldies ihr Original. Nach diesem unfassbaren Eklat wurde es
ein
bisschen lauter in der Umkleidekabine.
Dafür
trat Frontmann, Bandleader und Punk-Poet Hannes Koerber, einziger
Überlebender diverser Besetzungswechsel, an anderer Stelle offene Türen
ein:
Rock´n´Roll-Urtier Alex Parche (u.a. Gitarrist und Manager der
Zeltinger Band)
nahm sich freiwillig der Produktion des neuen Albums „Fiesta Fiasco“
an, das
mit 15 Eigenkompositionen und einer Coverversion (Stoppoks
´Dumpfbacke´) zur
Achterbahnfahrt bittet. Vor dem ersten Knöpfchendreh unterzog der
kölsche
Gitarrero furioso allerdings das Umfeld der Musikanten einer strengen
Prüfung: „Wenn ihr
das nicht lebt, macht es keinen Sinn! Und dann mach ich nicht
mit!“
Also zog Alex für ein verlängertes Wochenende in die Tübinger Münzgasse
13, ein Denkmal der Hausbesetzungsgeschichte, in der sich seit den
Anfängen der
Band sowohl der Proberaum als auch Hannes´ Wohnung befindet. Schwer
begeistert
voneinander, beschloss man die erste opulente Produktion der
Bandgeschichte in
Kölle durchzuziehen, nachdem man das Gros früherer Releases als
„No-budget-Produktionen“ im Probekeller aufgenommen hatte. Resultat des
knüppelharten Parche-Trainingslagers: Der Sound von K.G.B. klingt
kompakt und
lebendig, und aus den fein abgestimmten Klampfen schießt so manch
kerniges
Riff. Kommentar des schonungslosen Studio-Einpeitschers Alex P.: „Schön, dass ihr endlich mal
alle im gleichen Tempo spielt!“
Die
Texte von Hannes, der es mit seinen einfallsreichen Wortkreationen 1997
bis in
eine Lyrik-Anthologie geschafft hat, sind ohnehin ein Kapitel für sich:
Weit
weg von der abgewetzten „Pflastersteine für die
Bullenschweine“-Prollitur
drehen sich seine Themen mit philosophischen Punktlandungen um
Radiostationen
ohne Eier („nichts für meine
Rocker-Seele, viel zu selten wüste Welle“), Schaumschläger und
Wichtigtuer (´Geil von Beruf´), oben und unten („ich bin
die Ungerechtigkeit, die die Welt in Hälften teilt“)
oder George Dabbeljuh Bush und seine Schergen aus „Brainwashington“ („wer nicht funktioniert, wird öliminiert“).
Ergänzt
wird „Fiesta Fiasco“ durch Textzitate des Baggerfahrers und
Liedermachers
Gerhard Gundermann (´Das da´) sowie den „Knorpelfisch
der Extraklasse“, der sich „auf
Schlemmertour am Badestrand“ nach fetter Beute umschaut (´Hai´).
www.kgbgermany.de
Besetzung:
Hannes Koerber
(Stimme) * Joe Silverplanet (Klampfe) * Tim (Bass) * Benny
(Schießbude)
Discography:
1982 Donald Duck im Pentagon (EP,
Picture Disc,
vergriffen)
1985 Party Sahne (EP,
als Bonus
wiederveröffentlicht
auf dem „Red Album“, ESP 1997)
1986 Letzte Bestellung (Hardway
Rec., USA,
vergriffen)
1987 Ballroom Blitz (7“,
als Bonus
wiederveröffentlicht
auf dem „Red Album“, ESP 1997)
1987 Kein Grund zur
Beruhigung (alias
„Red
Album“, wiederververöffentlicht und remastert via ESP 1997)
1990 Einmal rund um die Sonne (SPV)
1992 Deutschland einig
Flaschenpfand (Maxi,
vergriffen)
1995 Restmüll (ESP)
1997 Kraut Gringo Blitzkrieg (ESP)
1997 Die Lady Di (MCD, ESP;
Vinyl: Incognito Records)
1998 Die drei Röhren (Hannes Koerber solo mit
Pedder von
Daily Terror und Tek von den Herbärds, ESP)
1999 Ein Wochenende in Verona (MCD, ESP/Middle Class
Pig Rec.)
2005 Fiesta Fiasco (Entenschädel
Productions)
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