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(Headline
aus der Badischen
Zeitung vom 23. Mai 2006)
Hart,
aber herzlos:
der Buchtip
für Freunde tibetanischer Beerdigungsposaunen
Mikael Niemi
Populärmusik
aus Vittula
(btb
Taschenbücher/Goldmann)
Schweden
sind
eher fröhliche
Säufer, Finnen kippen sich wärmende Getränke meist mit grimmiger Miene
in den
Hals. Beide Volksgruppen mögen derbe Scherze und randalieren gerne
daheim und
unterwegs.
Über diese
Klischees hinaus
erfährt man in der Metal-Presse über die Legionen hart muckender
Nordländer
selten Erhellendes.
Immerhin reichte das gespeicherte Basiswissen aus Klaudia
Webers unterhaltsamem Suomi-Report, um die 304-seitige
Schwarte aus einer
Wühlkiste des Bahnhofsbuchhandels zu zerren; „vittu“, so hieß es in
Rock Hard numero 179 im April 2002, stehe
nämlich generell für das weibliche Geschlechtsorgan und werde im
Finnischen
ungefähr so oft missbraucht wie „fuck“
im Englischen. Also pausenlos.
Nach
der
Lektüre des
Bestsellers aus Vittula alias Fuckingham ist die Seelenlage der
Eingeborenen
des schwedisch-finnischen Grenzgebiets im hohen Norden beider Länder
offen wie
ein Scheunentor. Endlich versteht man ein bisschen besser, warum
Satansbraten
wie Jux Johannson, Yngwie Mahlzeit, Messer-Timo Tolkki oder Willi Wallo
ein
bisschen anders ticken als die Einwohner von Sachsen-Anhalt oder
Sizilien.
Niemi
beschreibt
Lust und
Laster hinter dem Polarkreis als Rückblick auf seine Jugend in den
sechziger
Jahren: Schnaps, bis man kopfüber bei 30 Grad minus im Schnee stecken
bleibt,
sexuelle Turnübungen rund um die Pubertät, Beatles-Platten mit
tibetanischen
Beerdigungsposaunen (so genannte „råckönråll
mjosik“),
hitzige Prügeleien mit Bratpfannen und Müllschaufeln,
Marathon-Sitzungen im Sauna-Toaster, bis die Brandblasen platzen – und
natürlich die erstaunlich heftigen Blähungen nach dem Genuss von selbst
aufgesetztem, ungefiltertem, 75-prozentigem Superfusel mit Kartoffel-
und
Hefeklumpeneinlage. Mjam!
„Populärmusik
aus Vittula“
ist ein literarisch wertvoller Ausflug in eine knorrige Region, wo man
Elchbullen mit der bloßen Faust tötet. Dort oben schnattert man ein
hartmauliges Platt aus Finnisch und Schwedisch und weiß genau, warum
Englisch
definitiv nichts taugt: Es sei „eine
Sprache für Grasfresser, erfunden von schlammtretenden Küstenbewohnern,
die
noch nie gekämpft, gefroren oder gehungert haben“. Logisch, dass
angehende
Rockmusiker sowohl bei kommunistischen Holzfällern als auch bei
ultra-frommen
Hartweizengrießfarmern als Weicheier gelten:
„Ein Tag im Wald, und so ein Typ würde Blut pissen.“ (mb)
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