Harte Beats für DJ Landei

Schlimme Zeiten sind hier im Ödland von Schwäbisch-Sibirien angebrochen. Uns rinnt gerade der kalte Angstschweiß von den Stirnen, unsere Hände zittern, und unsere kleinen Herzen bumpern wie wild.
Nein, wir haben uns keine Grippe eingefangen, das wär ja noch ganz lustig. Jemand hat uns gerade (...mit todernster, knochentrockener Stimme...) einen Vorschlag gemacht, der nicht weit davon entfernt ist von solchen Sachen wie:

Spring in eine Grube mit Skorpionen!

Bohr dir mit den eigenen Fingern die Augen aus dem Kopf!

Hör dir eine Stunde lang Tekkno an!

Oder: Geh zu einem lustigen Volksmusikabend!
(...mit Ernst Mosh & den orginal Eberschändern...)

Ach was red ich...was uns vorgeschlagen wurde, ist viel schlimmer als all das zusammen. Es waren die grauenvollen Worte: "Sucht euch ´nen Job!" (...keuch...) Wer uns das gesagt hat? Nun...es war unsere Bewährungshelferin...

So...jetzt ist es raus. Der eine oder andere von euch wird jetzt bestimmt denken: „Hab ich ja gleich gewusst. Der Satanic-Ulrich und seine Ödland-Bande sind nur `n Haufen Krimineller.“ Aber so ist es nicht...ganz bestimmt. Wir sind nur Opfer der Gesellschaft. Unschuldig wie die kleinen, weißen Lämmlein, die gerade draußen auf der Wiese herumtollen (...und von denen eines am Sonntach in den Backofen kommt...).

Aber lasst mich die ganze Geschichte von Anfang an erzählen: Wie ihr ja schon aus unseren vergangenen Stories mitbekommen habt, ist es hier im Ödland von Schwäbisch-Sibirien landschaftlich vom Feinsten und sehr ruhig (...wenn man nicht gerade in unserer Nachbarschaft wohnt...). Dafür sind die Errungenschaften der Zivilisation (...die Rockfabrik Ludwigsburg...) enorm weit weg, und das Unterhaltungsangebot für den Samstagabend ist somit sehr begrenzt (...wenn man nicht gerade darauf steht, Bäumen beim Wachsen zuzugucken oder Freude daran findet, schlafende Kühe umzuwerfen...). Damit die Kids nicht den absoluten Hau weg kriegen und allsamt zu geisteskranken Massenmördern werden, gibt es hier in der Gegend so einmal im Monat einen Event, der sich „Hallendisco“ nennt. Normalerweise wird dann in irgendeiner Scheune ein Radio aufgestellt, die Landfrauen-Vereinigung backt Kuchen, serviert alkoholfreie Bowle, und der Dorfpfarrer übernimmt die Aufsichtspflicht. Überflüssig zu sagen, dass wir dort bisher nie aufgetaucht sind (...außer, um den einen oder anderen Kuchen zu klauen...).

Doch neulich kam so ein Typ (...nennen wir ihn einfach DJ Landei...) auf die Idee, das Ganze ein wenig professioneller aufzuziehen und schleppte so Sachen wie CD-Player, Boxen, Mischpult und Light-Show in eben jene Scheune. Dies wurde natürlich mit heftig vielen Plakaten angekündigt (...er hat sogar eines in unserem Schafstall aufgehängt...). Um Randale zu verhindern, wollte er sogar ein paar heftige Türsteher haben und fragte im Dorf nach den finstersten und bösesten Burschen. Seltsamerweise haben ihn all unsere Nachbarn auf uns verwiesen...warum, können wir uns wirklich nicht erklären. Da bei uns (...wie immer...) Ebbe in der Kasse herrschte, willigten wir schließlich ein, den Job für eine Handvoll Dollars zu übernehmen. Er versprach uns sogar, jede Stunde ein bisschen härteren Sound laufen zu lassen, um uns bei Laune zu halten.

So wurde es schließlich Samstagabend und wir fanden uns wie verabredet in der Scheune ein (...ein jeder von uns trug vorsorglich einen Walkman aufm Kopf...der Sound, den wir beim Kuchenklauen mitbekommen hatten, ist ja nun wirklich nicht unser Ding...). Was der Junge da an Technik aufgebaut hatte, war okay, nur was wir an CDs und LPs erspähen konnten, wahrlich nicht. Doch wir hatten uns fest vorgenommen, darüber kein Wort zu verlieren. Unser Job war ja nur, für Ordnung zu sorgen.

Nach einer Weile trafen dann die ersten Ödland-Kids ein. Ulla und Dörthe hatten sich natürlich den besten Job geschnappt (...am weitesten weg von Tekkno und Dancefloor...) und achteten darauf, dass sie ihre Traktoren schön ordentlich in einer Reihe abstellten. Wir Jungs hatten uns am Eingang breit gemacht, verkauften die Karten, durchsuchten die Gäste (...vor allem die Mädels...) nach Waffen, Drogen und allem, was wir sonst noch auf unseren Hof so brauchen konnten. Nebenbei machten wir uns ernsthafte Gedanken um eine Erfindung, auf welche die Welt wirklich gewartet hat: Einen Walkman der richtig LAUT ist. Klaus-Rüdiger (...der ja bekanntermaßen am bedrohlichsten von uns allen aussieht...) drehte ab und an seine Runden in der Scheune und erstickte jede Randale mit einem kalten Lächeln im Keim. DJ Landei hielt sogar Wort, und zu jeder vollen Stunde donnerten zwei Metal-Tracks aus den Boxen, die unser hartes Los ein wenig erträglicher machten und unsere Nackenmuskeln in Schwung hielten.

Oh ja...es war ein so friedlicher Abend, und wir waren ja so was von freundlich und anständig, dass sich sogar der Dorfpfarrer auf einen kleinen Plausch zu uns gesellte. (...Allerdings erkundigte er sich alsbald nach meinem Namen und zog dann ein wenig befremdet ab...was ist denn mit Satanic Ulrich nicht in Ordnung?...).

Schließlich rückten die Zeiger der Kirchturmuhr immer näher an die Zwölf ran, und unser verdienter Feierabend rückte in greifbare Nähe. (...Hallendiscos im Ödland enden immer um Mitternacht, damit die Sonntagsruhe nicht gestört wird...) DJ Landei hielt seine übliche Abschiedsrede (...so was wie „Ihr wart ein Super-Publikum“…) und dann kamen jene Worte über seine Lippen, die sein Schicksal besiegelten und uns (...ungerechterweise...) mit dem Gesetz in Konflikt brachten:

„...und dieser Remix ist für unser freundliches Security-Team...“

Aus den Boxen erklang Vertrautes...göttlicher Sound...doch auf obszöne Weise entstellt und verfremdet. Es traf uns wie ein Hammer auf den Kopf, brachte unsere Mägen zum Rebellieren und entzündete die weißglühende Flamme des gerechten Zorns in unseren Herzen – der Kerl besaß die ungeheure Respektlosigkeit, The Crown and the Ring (Lament of the Kings) zu remixen und die heiligen Klänge mit grauenvollen und bizarren Tekkno-Beats zu entweihen....

Und jetzt sagt mir: Ist es ein Verbrechen, Boxen zu zertrümmern, aus denen eine solche Blasphemie erklingt? Ist es Unrecht, das Mischpult abzufackeln, das Werkzeug dieser Gotteslästerung war? Und ist es falsch, den Schuldigen an den Füßen zu packen und mit dem Kopf voran in die Jauchegrube zu tauchen (...immer und immer wieder...)?

Die Bullen, die uns direkt vom Rande der Jauchegrube in Untersuchungshaft schleppten, dachten es jedenfalls (...während ich für meinen Teil finde, dass DJ Landei noch recht glimpflich davon gekommen ist...). Aber unser Freiheitswille war ungebrochen, unser Glaube an Gerechtigkeit unerschüttert. So sangen wir die ganze Nacht die Hymne der Unterdrückten (...Get up, stand up, get up for your rights...) und wurden gleich am nächsten Morgen dem Schnellrichter vorgeführt (...im Ödland macht man mit Langhaarigen nicht nur kurzen, sondern auch fixen Prozess...). Man verurteilte uns wegen Sachbeschädigung, grobem Unfug und Körperverletzung zu einer Haftstrafe von sechs Monaten, ausgesetzt zur Bewährung, weil wir alle so nett sind. Doch das Schlimmste daran ist und bleibt noch immer, dass wir uns einen Job suchen sollen, um für den angerichteten Schaden zu bezahlen...

Jetzt wachsen hier im Ödland die Jobs nicht gerade auf den Bäumen. Okay... außer Schafe hüten, stricken, Torf backen und bangen haben wir natürlich schon was drauf. Dörthe beispielsweise ist gelernte Segellehrerin (...leider sieht man in unserem Dorfteich schon kein Wasser mehr, wenn da zwo Enten und ein Ferkel baden...), Ulla ist Möbelpackerin (...was uns hier aber auch nix bringt, weil die Leute hier sogar in ihren Häusern begraben werden...unterm Wohnzimmertisch...), Hans-Jochen hat Philosophie studiert (...womit sich hier ebenfalls nicht so viel verdienen lässt...es sei denn als Wahrsager aufm Jahrmarkt, aber der ist erst im September...), Klaus-Rüdiger übte einst den Beruf des Erziehers aus (...doch bei den Kindergärten hier passt er nicht mal durch die Türen...), und ich selbst habe das ehrenvolle Handwerk des Gebäudereinigers erlernt, bevor wir beschlossen haben, von Schafzucht und Baumrinde zu leben...

Schweren Herzens (...und mit Cathedrals Voyage Of The Homeless Sapien als Soundtrack...was zwar nicht true ist, aber cool...) machten wir uns also auf den Weg zu den etwas weiter entfernten Höfen, wo man uns noch nicht auf den ersten Blick erkennt. Und schon wenig später fanden wir uns in einem Kuhstall wieder - bewaffnet mit Spaten und Schubkarren (...was so viel heißt wie ausmisten...für die, die´s nicht wissen...). So leicht konnte es also sein, Arbeit zu finden. Kaum hatten wir angefangen, ein wenig Sound zu machen, um beim Dung schippen in Schwung zu kommen, erhielten wir eine unmissverständliche Kündigung (...man hat uns mit Karabinern und Hunden vom Hof gejagt...). Im Nachhinein kann ich das verstehen – es war der erste Kontakt dieser Menschen mit der geheimnisvollen Kraft der Elektrizität...

Auf dem Heimweg trafen wir dann auf den Oberförster, der ein alter Kumpel von uns ist (...er ist fast taub...). Bei einem Toffelschnaps und ein wenig Sound von Def Leppard (...die mag er...) erklärte er sich bereit, uns bei einem Holzfällertrupp unterzubringen. Fein...die Kettensäge ist sowieso unser Ding. Doch am nächsten Tag  mussten wir die schmerzvolle Erfahrung machen, dass man auch zu gut in einem Job sein kann.

„Fällt alle Bäume, die irgendwie beschädigt oder krank aussehen...“, hatte uns der Vorarbeiter erklärt. Und ein kleiner, schmächtiger Baum sieht nun mal schon von weitem krank aus (...vor allem, wenn man bedenkt, dass wir die Teile noch zum Sammelplatz schleppen mußten...Echt, da ist von Waldsterben keine Spur mehr zu sehen...Je größer der Baum, desto gesünder sieht er aus...). Am Abend hatten wir dann ohne Anstrengung 150 Bäume abgehackt  (keiner größer als einen Meter...). Das war dann auch weit über unserem Soll. Aus Angst, wir könnten seine anderen Arbeiter verunsichern, hat uns der Capo dann auch gleich mit ein paar freundlichen Worten entlassen:
"Wenn ihr mir noch einmal über den Weg lauft, leg ich euch alle um."


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